Betrachtungen und Bemerkungen zum Traumschloss der maurischen Könige – ein etwas unorthodoxer Alhambra-Ratgeber
Im 14. Jahrhundert schwärmte der arabische Dichter Ibn Zamrak: „Granada ist eine wunderschöne Braut im Hochzeitsgewande, die sich dem Berge vermählt, und die Alhambra ist der Rubin in ihrer Krone.“ Später waren es Pérez de Hita, Chateaubriand, Washington Irving und Theophile Gautier, die dem Zauber des Märchenschlosses verfielen, Sagen und Legenden sammelten, und in bunten Schilderungen vom Leben und Untergang des maurischen Granada berichteten.
Als kulturelle Pflichtübung ist die Alhambra in Granada längst fester Bestandteil im Programm einer jeden Rundreise durch Andalusien geworden. Die „Rote Burg“ am Fuss der Sierra Nevada zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa, und ist für viele das bekannteste islamische Bauwerk schlechthin. Paradoxerweise entstand das Traumschloss der Nasriden aber erst zu einer Zeit, in der mit dem Islam in Spanien nicht mehr allzu viel los war.
Historisch belegte Tatsache ist, dass sich Granada, nach dem Fall von Córdoba und Sevilla, lediglich deswegen noch weitere 250 Jahre halten konnte, weil seine Fürsten sich in ihre politisch wie militärisch aussichtslose Lage ergaben und nur mit diplomatischem Geschick sowie hohen Tributzahlungen an die Katholischen Könige verhindern konnten, dass die Kastilier auch ihr kleines Reich eroberten.
Die Reconquista hatte im Jahr 1212 bei Las Navas de Tolosa in der Provinz Jaén den entscheidenden Sieg über die Krieger des Halbmondes errungen, in jener blutigen Schlacht, in der angeblich „… die Mauren so viele Tote hatten, dass man vor lauter Leichen nicht vorwärts konnte“. Wenig später fiel Córdoba (1236), dann Sevilla (1248) in die Hände der Katholischen Könige. Übrig blieb das relativ kleine Königreich Granada, das sich von Gibraltar im Südwesten über Málaga und Almeria bis in das unwegsame Bergland von Jaén erstreckte. Aussenpolitisch ohne jeden Einfluss, stellte Granada nurmehr ein letztes islamisches Bollwerk im sonst christlichen Spanien dar. War Córdoba einst die Hochblüte des morgenländischen Reiches in Andalusien, dann ist Granada eher als ein maurischer Schwanengesang zu verstehen, als ein letztes verzweifeltes Aufbäumen vor dem endgültigen Untergang.
Wirtschaftlich und kulturell dagegen erlangte Granada selbst noch in dieser Zeit grosse Bedeutung, denn in materieller Hinsicht bestand kein Mangel. Dass auch im einfachen Volk niemand Hunger leiden musste, dafür sorgte eine gut funktionierende Landwirtschaft, und über die Mittelmeerhäfen, vor allem Málaga, fand ein lebhafter Handel statt, der Granada mit allen möglichen Konsumgütern und jedem nur denkbaren Luxus eindeckte. Das letzte Jahrhundert seines Bestehens schliesslich verdankte das maurische Granada der banalen Tatsache, dass die Reconquista schlicht und einfach pleite war. Die so gennante Rückeroberung hatte nicht nur die letzten Reserven der christlichen Staatskasse aufgezehrt, auch das unter den Arabern einst so florierende Agrarsystem war hoffnungslos zusammengebrochen. Das vereinte Königreich Kastilien- Aragon fiel von einer Hungersnot in die andere – und so nahm man lieber die regelmässigen Abgaben in Form von Geld und Naturalien entgegen, als kostspielige Feldzüge auszurichten, um einen Gegner zu bekämpfen, von dem keinerlei Gefahr mehr ausging.
Das einst mächtige Al-Andaluz schrumpfte unaufhaltsam immer mehr zusammen und Granada wurde zum letzten Zufluchtsort für Mohammedaner und Juden aus ganz Spanien. Auch auf zahlreiche Christen, die im Maurenreich zu Wohlstand und Ansehen gelangt waren, und die an der bunten, quirligen orientalischen Lebensweise Gefallen gefunden hatten, übte die Stadt am Rio Genil eine grössere Anziehungskraft aus als das starre, steife und völlig intolerante katholische Spanien. Und so fand die fruchtbare Mischkultur aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen, die sich in der Kalifenstadt Córdoba bestens bewährt hatte, hier ihre Fortsetzung.
Doch dass es nicht ewig so weitergehen konnte, war abzusehen. Sowohl der Kirche als auch dem Königspaar Ferdinand und Isabella war der vielvölkische Sündenpfuhl Granada schon lange ein Dorn im Auge, und so begann der zehnjährige Granadische Krieg mit dem Ziel, dem islamischen Spuk ein- für allemal ein Ende zu bereiten und auch den letzten Überrest des Maurenreiches von der spanischen Landkarte zu tilgen. Im Jahr 1492 war es dann soweit: Boabdil, der letzte aus dem Geschlecht der Nasriden, übergab die Stadt schweren Herzens dem Feind, nachdem er in zähen Verhandlungen erreicht hatte, dass seinen Untertanen unnötige Repressalien und seinem geliebten Märchenschloss die Zerstörung erspart bleiben würden. Die Alhambra blieb der Nachwelt erhalten, weil sie den neuen Herrschern, so wie sie war, gefiel.
In den nun folgenden Jahrhunderten wurde der Palast zunächst immer wieder von Würdenträgern und Aristokraten bewohnt, auch die Königsfamilie zeigte gelegentlich Interesse am luxuriösen Leben in der verschwenderischen Pracht der maurischen Gemächer, und so erfuhr das alte Märchenschloss, zuletzt anlässlich der Flitterwochen Philip’s V. zu Beginn des 18. Jahrhunderts, verschiedene Umbauten, die glücklicherweise aber die Grundsubstanz dieses herrlichen Bauwerkes nicht wesentlich verändert haben.
Danach geriet das alte Gemäuer, wie so vieles in Spanien, in relative Vergessenheit und wurde immer mehr von Zigeunern, Obdachlosen, Bettlern und zeitweise sogar recht zwielichtigem Gesindel bevölkert, die alles davonschleppten, was nicht niet- und nagelfest war. Wiederentdeckt wurde der Nasridenpalast erst Anfang des 19. Jahrhunderts durch die oben erwähnten ausländischen Romantiker, also streng genommen durch den Tourismus (ebenfalls wie so vieles in Spanien) – allen voran durch den Amerikaner Washington Irving, der sich längere Zeit, quasi als erster Tourist mit Vollpension, in der Alhambra einmietete und die zauberhafte Atmosphäre des Traumschlosses so beschreib:
„Der eigentliche Reiz dieses alten, versonnenen Palastes liegt in seiner Macht, verschwommene Träume und Bilder der Vergangenheit in uns wachzurufen, und auf diese Weise die nüchterne Wirklichkeit mit den Illusionen der Erinnerung und Imagination zu umhüllen.“
Und tatsächlich – hier kann man sie sich vorstellen, die Märchen, Sagen und Anekdoten, die Irving in seinen Erzählungen von der Alhambra festgehalten hat. Bilder scheinen lebendig zu werden, man sieht sie beinahe greifbar vor sich: Den Herrscher und sein Gefolge, edle Gäste, Tänzerinnen, Märchenerzähler und Lautenspieler, vornehme Damen und maurische Prinzessinen, in kostbare Gewänder gehüllt, auf Balkonen und in Fensternischen sitzend, in kunstvolle Handarbeit oder das Lesen von Gedichten vertieft. Aber auch geheimnisvolles Tuscheln, Verschwörungen und Haremsintrigen, oder gar den blutigen Verrat an den Abencerragen, einer mit den Nasriden konkurrierenden Adelsfamilie, die König Abul Hassan aus Angst vor einem Umsturz heimtückisch ermorden liess, und deren abgeschlagene Häupter der Überlieferung nach gleich dutzendweise in das flache Becken des Saales, der seither deren Namen trägt, geworfen wurden, wo sie „… die Wasser des Löwenhofes dunkelrot färbten“.
Von all diesen Stimmungen und Traumbildern allerdings bekommt der normale Tourist bei einer der üblichen Pauschalreisen, Städtereisen oder Führungen durch die Alhambra nicht viel mit. Wenn Sie romantisch veranlagt und nicht unbedingt in Eile sind, sollten Sie sich etwas Zeit nehmen für dieses faszinierende Bauwerk und von der Möglichkeit einer nächtlichen Besichtigung des Palastbereiches Gebrauch machen. Den Rest dieser riesigen Anlage können Sie sich, vorher oder nachher, in aller Ruhe tagsüber zu Gemüte führen, denn die zeitliche Beschränkung gilt nur für den eigentlichen Königspalast. Das übrige Gelände, inklusive der Gartenanlagen des Generalife, dürfen Sie durchwandern und durchstreifen, wann immer und solange Sie Lust dazu haben.
Auf eine ausführliche Beschreibung der Alhambra verzichte ich hier ganz bewusst, denn davon gibt es schon mehr als genug – gute wie auch schlechte, und die können Sie ausserdem in jedem besseren Reiseführer nachlesen. Für eingehendere Studien und Vorab-Information empfehle ich Ihnen stattdessen dringend drei unbedingt lesenswerte Bücher, die Ihnen alles, was die Alhambra betrifft, unter den verschiedensten Aspekten schon im Vorfeld näher bringen:
Erzählungen von der Alhambra – Washington Irving (Sanchez / Granada 1988)
- ein absolutes MUSS für alle, die den Zauber und die geheimnisvolle Atmosphäre der Alhambra wirklich erfassen wollen. Irvings 1832 im amerikanischen Original veröffentlichte Erzählungen erschienen kurioserweise auf Deutsch erstmals bei dem o.g. spanischen Verlag. Möglicherweise hat inzwischen ein deutscher Verleger nachgezogen. Fragen Sie Ihren Buchhändler oder googlen Sie im Internet.
Die Alhambra – Oleg Grabar (DuMont / Köln 1981)
- das Standard-Werk eines Harvard-Professors für Archäologie mit Background-Infos zu Geschichte, Entstehung, Architektur und Bedeutung des Alhambra-Komplexes. Wissenschaftlich fundiert, aber verständlich auch für Normalsterbliche.
Halbmond über Granada – Hermann Schreiber (Lübbe / Berg.-Gladbach 1980)
- die ausführliche Geschichte der fast 800-jährigen Maurenherrschaft in Spanien. Eigentlich ein hervorragend recherchiertes modernes Geschichtsbuch, aber so interessant und packend geschrieben, dass es sich liest wie ein Roman.
Wenn Sie diese Bücher gelesen haben, können Sie die Vorfreude auf die geplante Reise nach Granada so richtig geniessen – und wissen vermutlich mehr über die Stadt und ihre berühmte Rote Burg als jeder Fremdenführer, der in der Regel sowieso nur die offiziell gültigen, ewig gleichen und x-mal vorgekauten Standard-Halbwahrheiten herunterleiert, die teilweise aus Zeiten stammen, als die katholische Kirche noch krampfhaft bemüht war, das - eigentlich unleugbare - maurische Erbe Spaniens als peinlichen Schandfleck unter den muffigen Teppich ihrer einseitigen Geschichtsschreibung zu kehren.
20.10.2010 Rolf Möhring, Andalusien-Kenner und webmaster www.promolasvillas.de